Wenn ich im Bieler Tagblatt über meine Verwirrungen mit der schweizerdeutschen Sprache schreibe, dann klingt das ungefähr so:
Wie so viele Menschen in Biel habe auch ich ausreichend Freizeit, um wochentags gemütlich an der Schüss entlang zu spazieren. Der schwarze Schwan paddelt unter der Brücke mit den fröhlichen Kanarienvögeln hindurch und wird von einem pummeligen Mann im besten Alter mit trockenen Osterchüechli beworfen. Auf einer Bank sitzt ein Liebespaar und lässt sich die noch winterlich weissen Wangen von der Sonne bescheinen, daneben zerschmilzt ein immer noch nicht gefundenes Schokoladenei im Gras. Die Bäume blühen und grünen wie sie sollten, in ihrem Schatten dreht sich ein Mädchen im Kreis; sein blaues Kleidchen flattert durch die Lüfte. Der Frühling, er ist nicht aufzuhalten.
Und wie ich so vorbei an Liebespaar, Mann und Mädchen durch die neu angebrochene Jahreszeit schlendere, sehe ich auf einmal meinen Mitbewohner Cyril in einiger Entfernung auf der Allee stehen. Die Arme ausgebreitet hüpft er auf und ab und als er mich sieht, ruft er mir entgegen: „Oh, merkst du denn gar nicht, wie wundervoll die Bäume hier schmecken?“
Die Frage verwirrt mich. Nein, denke ich, das hatte ich bis jetzt tatsächlich noch nicht bemerkt. Um ehrlich zu sein, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Gedanken daran verschwendet, ob Bäume überhaupt schmecken. Und wenn sie das tun sollten – dann wonach? Aber seit ich mit Cyril zusammen wohne, erweitert sich mein Erfahrungshorizont sowieso ständig. Erst neulich stand er am Putztag mit einem Wischeimer in unserer Küche und kippte das lauwarme Wasser über die Fliesen. Dann band er sich zwei Lappen unter die Turnschuhe und begann, zwischen Herd und Kühlschrank hin und her zu schliddern. Als ich ihn fragte, was er da täte, antwortete er: „Den Boden feucht aufnehmen, wonach schaut es denn aus?“
Scheint ein unterhaltsames schweizer Reinigungsritual zu sein, dachte ich und dass das deutsche „Bodenwischen“ mit einem herkömmlichen Wischmop damit absolut nicht mithalten könne. Seither nehme auch ich den Boden lieber feucht auf als ihn schlicht nur zu wischen. Warum also nicht auch einfach mal probieren, wie Bäume schmecken? Immerhin würde das bedeuten, den Frühling voll und ganz auszukosten! Vielleicht schmecken die Bäume ja wirklich so gut wie sie riechen, überlege ich mir.
Also schaue ich mich nach allen Seiten um und als ich mich einigermaßen unbeobachtet fühle, strecke ich unerschrocken zielstrebig den Arm nach einem Baum zu meiner Linken aus. Ein Zweig, der sich durch die ungewohnte Last praller Blüten nach unten gebogen hatte, hängt nun direkt vor meinem Gesicht; und ohne noch einmal darüber nachzudenken, ergreife ich ihn. Ich fahre mit der Zunge zuerst über die raue Rinde, Zentimeter für Zentimeter und schließlich über eine der zarten, mandelweissen Blüten, schließe die Augen und…spucke aus.
„Schmeckt so wie es aussieht. Nach Baum“, sage ich enttäuscht zu Cyril, der mittlerweile neben mir steht, „war diesmal kein wahnsinnig bereicherndes Erlebnis.“ Cyril schüttelt verwundert den Kopf. „Du sollst ja auch schmecken und nicht schlecken“, sagte er, „mit der Nase! Nicht mit der Zunge!“ Dabei wischt er sich mit dem Zeigefinger gleich zweimal über beide Nasenlöcher, so als hätte er gerade eine dicke Line Blütenstaub geschnüffelt.
Nicht nur um ihre kreativen Verhaltensmodelle sondern auch um ihre Gene beneide ich die Schweizer manchmal: Die können sogar mit der Nase schmecken.