Bäume schmecken

Wenn ich im Bieler Tagblatt über meine Verwirrungen mit der schweizerdeutschen Sprache schreibe, dann klingt das ungefähr so:

Wie so viele Menschen in Biel habe auch ich ausreichend Freizeit, um wochentags gemütlich an der Schüss entlang zu spazieren. Der schwarze Schwan paddelt unter der Brücke mit den fröhlichen Kanarienvögeln hindurch und wird von einem pummeligen Mann im besten Alter mit trockenen Osterchüechli beworfen. Auf einer  Bank sitzt ein Liebespaar und lässt sich die noch winterlich weissen Wangen von der Sonne bescheinen, daneben zerschmilzt ein immer noch nicht gefundenes Schokoladenei im Gras. Die Bäume blühen und grünen wie sie sollten, in ihrem Schatten dreht sich ein Mädchen im Kreis; sein blaues Kleidchen flattert durch die Lüfte. Der Frühling, er ist nicht aufzuhalten.

Und wie ich so vorbei an Liebespaar, Mann und Mädchen durch die neu angebrochene Jahreszeit schlendere, sehe ich auf einmal meinen Mitbewohner Cyril in einiger Entfernung auf der Allee stehen. Die Arme ausgebreitet hüpft er auf und ab und als er mich sieht, ruft er mir entgegen: „Oh, merkst du denn gar nicht, wie wundervoll die Bäume hier schmecken?“

Die Frage verwirrt mich. Nein, denke ich, das hatte ich bis jetzt tatsächlich noch nicht bemerkt. Um ehrlich zu sein, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Gedanken daran verschwendet, ob Bäume überhaupt schmecken. Und wenn sie das tun sollten – dann wonach? Aber seit ich mit Cyril zusammen wohne, erweitert sich mein Erfahrungshorizont sowieso ständig. Erst neulich stand er am Putztag mit einem Wischeimer in unserer Küche und kippte das lauwarme Wasser über die Fliesen. Dann band er sich zwei Lappen unter die Turnschuhe und begann, zwischen Herd und Kühlschrank hin und her zu schliddern. Als ich ihn fragte, was er da täte, antwortete er: „Den Boden feucht aufnehmen, wonach schaut es denn aus?“

Scheint ein unterhaltsames schweizer Reinigungsritual zu sein, dachte ich und dass das deutsche „Bodenwischen“ mit einem herkömmlichen Wischmop damit absolut nicht mithalten könne. Seither nehme auch ich den Boden lieber feucht auf als ihn schlicht nur zu wischen. Warum also nicht auch einfach mal probieren, wie Bäume schmecken? Immerhin würde das bedeuten, den Frühling voll und ganz auszukosten! Vielleicht schmecken die Bäume ja wirklich so gut wie sie riechen, überlege ich mir.

Also schaue ich mich nach allen Seiten um und als ich mich einigermaßen unbeobachtet fühle, strecke ich unerschrocken zielstrebig den Arm nach einem Baum zu meiner Linken aus. Ein Zweig, der sich durch die ungewohnte Last praller Blüten nach unten gebogen hatte, hängt nun direkt vor meinem Gesicht; und ohne noch einmal darüber nachzudenken, ergreife ich ihn. Ich fahre mit der Zunge zuerst über die raue Rinde, Zentimeter für Zentimeter und schließlich über eine der zarten, mandelweissen Blüten, schließe die Augen und…spucke aus.

„Schmeckt so wie es aussieht. Nach Baum“, sage ich enttäuscht zu Cyril, der mittlerweile neben mir steht, „war diesmal kein wahnsinnig bereicherndes Erlebnis.“ Cyril schüttelt verwundert den Kopf. „Du sollst ja auch schmecken und nicht schlecken“, sagte er, „mit der Nase! Nicht mit der Zunge!“ Dabei wischt er sich mit dem Zeigefinger gleich zweimal über beide Nasenlöcher, so als hätte er gerade eine dicke Line Blütenstaub geschnüffelt.

Nicht nur um ihre kreativen Verhaltensmodelle sondern auch um ihre Gene beneide ich die Schweizer manchmal: Die können sogar mit der Nase schmecken.

Eiertütsche zur 11. Dichterschlacht im Gaskessel zu Biel

Am Ostersamstag fand im Gaskessel in Biel die 11. Dichterschlacht statt. Wie nicht anders zu erwarten, war das Line-up wieder großartig. Vier schweizer Slammerinnen, und zwar keine geringeren als Lara Stoll, Lisa Christ, Michèle Friedli und Amina Abdulkadir, traten an gegen vier europäische Slammer namentlich Stefan Abermann, Christian Ritter, Andy Strauß und Philipp Herold.
Zu Ehren des Osterfestes mussten unsere Gäste ihre Auftrittsreihenfolge per “Eiertütschen” entscheiden und zu Ehren unseres ebenso großartigen Publikums hat der Osterhase zehn Überraschungseier mit Getränkebons im gesamten Kessel versteckt.
Daniela Dill und ich, die wir die Freude hatten den Abend moderieren zu dürfen, fanden heraus, dass immerhin vier der Ü-Eier tatsächlich gefunden wurden – Respekt! Gute Arbeit, Herr Osterhase, die Verstecke waren also sehr gewitzt gewählt!

Aber weil der Abend vor allem wegen unseren Gästen ein voller Erfolg war, wird es hier nun Fotos von ihnen zu sehen geben und nicht von den versteckten Ü-Eiern:

Lara Stoll

Philipp Herold

Michèle Friedli

Stefan Abermann

Lisa Christ

Lisa Christ

Andy Strauß

Andy Strauß

Amina Abdulkadir

Amina Abdulkadir

Christian Ritter

Und wer hat gewonnen?

Doppelsieg!

Doppelsieg!

Moderation

Moderation

Bedanken möchte ich mich nochmal ganz herzlich bei allen Slammern und Slammerinnen des Abends und eine dicke Gratulation geht raus an unsere Doppelsieger Stefan Abermann und Andy Strauß!

Fotos: Frank Nordmann

Unter welchen Umständen sich die Chancen, im Januar ein König zu werden, extrem erhöhen können

„Mama, warum ist eigentlich nur E I N König im Dreikönigskuchen?
Ein pummeliger Junge im Grundschulalter erregt meine Aufmerksamkeit. Er steht vor dem provisorisch aufgebauten Tisch mit dem Hefegebäck in der Migros. Erwartungsvoll schaut er zu seiner Mutter hinauf, während er, bereits einen Königskuchen in der Hand, die einzelnen Teile auf die kleine Plastikfigur hin abzutasten beginnt. “Ich wette, dass du den König niemals finden wirst”, sage ich in Gedanken.
„Ja, weil es doch nur einen König geben kann“, beantwortet die Mutter die Frage ihres Sohnes und betrachtet am Nachbarregal prüfend eine Packung Aktions-Tortellini. Ganze 50% würde sie sparen, das lohnte sich schon, dazu eine gute Käsesoße, Parmesan ist auch gerade im Angebot.
„Aber warum heißt der Kuchen dann D R E I Königskuchen, hm?“ hakt der pummelige Junge nach. Ich fahre gut mit meiner Wette; er hat die viel zu schmale Plastikfigur, den Schlüssel zur Macht, noch nicht ertasten können, weshalb er seine Daumen nun noch tiefer in das Gebäck drückt.
„Weil das früher einmal drei Könige waren“, sagt die Mutter, nun damit beschäftigt, sich zwischen der Fleisch- und der Spinatfüllung zu entscheiden. „Caspar, Melchior und Balthasar, das habe ich dir aber schon mal erklärt, Nino.“ Nino legt den Kuchen resigniert zurück auf den Tisch und greift nach einem neuen. Mit dem Zeigefinger tippt er auf jedes der einzelnen Teile und schaut dabei sehr nachdenklich auf die zusammengefaltete Papierkrone, die er gerne sein Eigen nennen würde. „Das sind sieben Stücke“, sagt er schließlich an den Kuchen gewandt, „Papa, Mama und ich, wir sind zu dritt. Macht für jeden zwei Stücke und eines, das…“ Er hält kurz inne, so als würde ihm der Sachverhalt langsam zu kompliziert werden, dann fügt er, diesmal wieder an seine Mutter gerichtet, hinzu: „Du Mama, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute König werde, hm?“
„Nino, gib den Kuchen her, du zerdrückst ihn ja ganz. Die Wahrscheinlichkeit, dass du heute noch König wirst, beträgt gleich null. Heute wird niemand mehr König. Heute ist erst der fünfte Januar und darum gibt es Tortellini zum Abendessen. Welche magst du lieber? Die mit Fleisch oder die mit Spinat?“ Ninos Mutter hält die beiden Packungen vor sich in die Luft und schaut von einer zur anderen. Nino versteckt den Königskuchen hinter seinem Rücken.
„Aber Mami, es hat genau noch drei Kuchen. Für jeden König einen. Können wir nicht alle drei mitnehmen? Ich wäre gerne Caspar, und du? Meinst du, Papa wäre gerne Balthasar?“
„Gut, wir nehmen die mit Spinat”, ignoriert Ninos Mutter die Frage ihres Sohnes, ” Wir müssen ja nicht jeden Abend Fleisch essen.“
Nino nickt zustimmend. Hinter seinem Rücken fischt er vorsichtig die zusammengefaltete Krone aus der Kuchenverpackung und versucht sie sich unter der Jacke in die Hose zu schieben. Das sieht eine Migrosangestellte, die zuvor noch die Gürkchengläser in Reih und Glied neben den Erbsen platziert hatte. „Hey, du, Junge“, ruft sie und kommt mit großen Schritten auf Nino zugelaufen, „nimm sofort die Krone aus der Hose“ und an seine Mutter gerichtet: „Können Sie nicht auf ihren Sohn aufpassen?“
Ninos Mutter lässt die Tortellini auf den Boden fallen, geht auf ihren Jungen zu und klatscht ihm eine mit der flachen Hand. „Dass du es wagst…“, sagt sie und nimmt ihm Kuchen und Krone ab, nur um beides zurück auf den Tisch zu schleudern. Der pummelige Junge fängt an zu weinen.
Wenn zwei sich streiten,… denke ich mir, schlendere betont langsam Richtung Gebäck und lasse alle drei Königskuchen in meinen Einkaufswagen gleiten. Meine Chancen, heute noch Königin zu werden, haben sich damit auf 300% erhöht. Und das, obwohl erst der fünfte Januar ist.

ZDF Kultur Poetry Slam

Vergangenen Donnerstag, am 17.11. 2011, ging der 2. ZDF Kultur Poetry Slam über eine Bühne in Berlin-Weißensee. Es war eine tolle Veranstaltung mit einem, in meinen Augen, großartigen Lineup und einem Publikum, das es verstand, Stimmung zu machen.
Ich hatte jedenfalls viel Spaß und viele Nerven zum Verlieren.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei allen Menschen, die den Abend möglich gemacht haben, die aufgetreten sind, zugeschaut und mitgefiebert haben.
Wer die Sendung verpasst hat, sie aber trotzdem nachträglich gerne schauen möchte, kann das hier tun. In der Mediathek des ZDF Kultur wird die Sendung für ein Jahr archiviert werden.

Übrigens ist dort auch der 1. Poetry Slam des ZDF Kultur verfügbar, der im Frühjahr 2011 gesendet wurde. Diesen kann ich ebenso sehr empfehlen.

Zwischen Poetry Slam und Literaturinstitut

Oft werde ich gefragt, wie das so ist: in der Poetry Slam Szene unterwegs zu sein und gleichzeitig an einem Literaturinstitut zu studieren. Ob sich das eher gegenseitig befruchten oder abstoßen würde. Gerne rutscht in diesem Zusammenhang auch die Frage hinterher: Welcher Szene, bzw. Institution würdest du dich eher zuordnen.
- Hm, sage ich in solchen Situationen, weder noch, eigentlich sitze ich ziemlich exakt zwischen den Stühlen.
- Wie das denn so sei, so arschbackentechnisch? Höre sich eher ununbequem an, heißt es, schließlich sei der Graben zwischen den Stühlen ja gar nicht mal so flach.
An diesem Punkt der Unterhaltung könnte ich sagen: nein, nein, so tief ist der Graben auch nicht und ich springe oft und locker hinüber, obwohl ich sehr unsportlich bin; ich mag es, mich auf beiden Seiten zu bewegen und tue dies unbefangen. Wäre aber nicht ganz richtig. Und die Antwort lediglich dazu geeignet, das Gespräch schnellst möglich wieder zu beenden und eine Diskussion zu befrieden, noch bevor sie die Chance erhält, sich aufzuheizen. Ich könnte auch antworten: Außerdem gibt es doch einige Autoren, die es geschafft haben, eine Brücke zu bauen zwischen beiden Seiten! Nora Gomringer zum Beispiel! Vor kurzem erst auf einer Slambühne gesehen und ein paar Wochen später in unserem Institut als Gastmentorin zu Besuch! Michael Stauffer, unterrichtet regulär bei uns und steht als Performer in der Textbox, wie auch auf Dead or Alive Bühnen! Aber das sind nicht wirklich viele Beispiele. Konsequenter Weise müsste ich also antworten: Setz dich, mein Freund, denn wenn ich jetzt anfange auszuholen, sind wir im besten Fall fertig, wenn morgen die ersten Frühstückscafés wieder öffnen. Diese Unterhaltung wird so komplex, dass bereits der erste Satz einhundert weitere Sätze und noch mal genauso viele unausgesprochene Zweifel und Fragen aufwerfen wird, denn ganz sicher vertrittst du einen anderen Standpunkt als ich – und weißt du was? Das ist super. Denn erst durch einen Konflikt wird Weiterentwicklung möglich und wir beide werden vielleicht um eine Handbreit Horizont reicher.
Soweit kam es in derlei Gesprächen fast noch nie. Aber am vergangenen Wochenende fand ich mich in einer Situation wieder, die dieses „zwischen den Stühlen sitzen“ sehr bildlich beschreibt. Ich besuchte ein Blockseminar zum Thema Lyrik am Literaturinstitut. Geleitet wurde das Seminar von Ulrike Draesner, einer in meinen Augen und Ohren vielschichtigen und interessanten Autorin mit einer Stimme, der man sogar mit großem Verzücken lauscht, wenn sie Minnesänge auf Mittelhochdeutsch vorträgt. Das Seminar war in seiner Wucht aus Informationen, Anekdoten und Kritik an eigenen sowie Fremdtexten extrem anstrengend und dicht gewoben. Jedoch fühlte man sich nach dem Besuch der Veranstaltung tatsächlich ein klein wenig dichter, um mal ein gerne gebrauchtes Slammer-Wortspiel zu benutzen, einfach, weil es passt. Direkt in der ersten Stunde des Seminars wurden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, einen lyrischen Text von sich zu lesen, über den dann im Anschluss gesprochen werden sollte. Die Texte wurden zum Mitlesen für alle ausgedruckt, dann ließe sich damit besser arbeiten hieß es, die Verständlichkeit sei größer – natürlich ein guter Punkt. Keine Aufmerksamkeit wurde jedoch auf die Vortragsweise der Texte gelegt, darum ginge es in erster Linie nicht, der Inhalt sei entscheidend.  So wurde ein Text nach dem anderen vorgelesen, mitgelesen, mit einem Lächeln oder einem unsicheren Blick quittiert, solange, bis alle an der Reihe waren. Ich hatte die „Liebeserklärung an einen Reisenden“ mitgebracht, der Spoken Word Text, der mir im Moment am meisten am Herz liegt. Und bereits beim Austeilen meiner Textblätter spürte ich sie: die beiden Arschbacken, die zur Hälfte in der Luft hingen, von einem Stuhl auf den anderen wippten. Ich bat die anderen Teilnehmenden, die ausgeteilten Blätter zunächst mit dem Text nach unten auf den Tisch zu legen und mir einfach kurz zuzuhören. Es war ein eigenartiges Gefühl, diesen Text, der für mich eng mit Bühnen verbunden ist, vor einer Klasse vorzutragen, die ihn dann anschließend besprechen und damit auch bewerten würde. Allerdings nicht mit Jury-Noten sondern mit ihren eigenen, durchdachten Meinungen, Fragen und Anregungen. Ich merkte, dass ich diese Bewertung wirklich ernst nehmen würde, und das machte mir Angst. Ich hatte Angst, vor der ersten ernsthaften Bewertung dieses Textes. Ich trug ihn schließlich vor, entspannte mich dabei sogar ein bisschen, der Raum war offen für diese in dem oben genannten Kontext etwas sonderbare Darbietung. Die Kritik und Resonanz nach dem ersten Hören war durchweg positiv, der Text gefiel. Erst beim anschließenden Lesen kamen Fragen und Zweifel auf: braucht es diese Redundanz an der Stelle? Sind die beim Hören doch so schönen Bilder nicht etwas einfach? Oder: funktionieren sie überhaupt noch, wenn man beim selbstständigen Lesen die Zeit bekommt, sie zu hinterfragen? Ich konnte all diesen Kritikpunkten folgen, sie einordnen und verstehen. Aber sie warfen vor allem einen Haufen an Fragen auf: Muss ein guter Spoken Word Text immer auch auf dem Blatt funktionieren? Funktionieren Spoken Word Texte in Büchern wirklich immer eigenständig? Oder manchmal auch nur durch die Erinnerung des Lesenden an die Stimme und Performance des Autors auf der Bühne? Wäre die Eigenständigkeit des Textes die Königsdisziplin? Wo ergibt Rezitation Sinn und wo eher nicht? Hat die Aussage: „Jaja, schöner Text solange du ihn nur einmalig vorträgst. Aber von mir auf dem Blatt gelesen, gibt er mir rein gar nichts“ eine größere Berechtigung als die folgende: „Jaja, schöner Text, solange ich ihn still für mich alleine unter der Decke auf dem Sofa lese. Aber trag ihn bitte nicht öffentlich vor. Das bringt mir rein gar nichts“? Muss ein gutes Gedicht zwischen zwei Buchdeckeln immer auch auf der Bühne funktionieren? Und: wäre das die Königsdisziplin? Wo sind die Schnittstellen? Gibt es welche? Und wenn ja: wie gehe ich damit um? Es besteht die Gefahr, dass ich mit diesen Fragen provoziere. Das könnte daran liegen, dass ich keine eindeutigen Antworten auf sie habe. Nur noch ein Beispiel, und mit dem nähere ich mich vielleicht ein weiteres Stück einem möglichen (Schnitt)punkt: Ziemlich zum Schluss des Blockseminars ging der gesamte Kurs zu einer Lyriklesung von zwei Stunden im Rahmen des 6. Bieler Fest der Poesie. Die Lesung war gelinde gesagt ein Desaster.  Die Kritikpunkte, die u.a. im Anschluss vom Kurs geäußert wurden, der Raum wäre schrecklich dunkel gewesen, die Technik habe nicht ausreichend funktioniert, usw. teile ich nur bedingt. In meinen Augen sollte ein guter Autor, ein guter Poet seinen Text soweit verinnerlicht haben, soviel Souveränität und Spass am Vortrag mitbringen, dass er in der Lage ist, unter sämtlichen, sich nur denkbaren Um- und auch Unständen zu lesen oder zu performen. Für mich lag der Schrecken mit dem ich versuchte der Veranstaltung zu folgen vor allem in der Vortragsweise aller Beteiligten – der Raum und die Technik waren mir herzlich egal. Bereits der Moderator, der das „Fest der Poesie“ eröffnen sollte, versteckte sich ablesend hinter seinem Mikrophon. Das Verstecken gelang ihm gut. Mit dem Ablesen erreichte er beim Publikum jedoch nicht die angestrebte Feierlaune. Zwar machte er höflichst darauf aufmerksam, dass es äußerst erwünscht wäre, zu lachen, zu trinken, zu essen und zu feiern – aber wie immer macht der Ton die Musik. Und nur selten provoziert eine monotone Schlaftablette Freudentänze beim Publikum.  Am schockierensten fand ich jedoch den Auftritt von Ann Cotten, ihres Zeichens auch ehemalige Poetry Slammerin, die sich ohne das Publikum willkommen zu heißen, ebenfalls hinter ihrem Mikro versteckte, sitzend natürlich, mit nach vorne geklappten Schultern, zwischen denen die einzelnen Worte bereits strandeten ohne ihren Weg von der Bühne in den Saal finden zu können. Endungen wurden vernuschelt. Gedichte, die mehrschichtig sind und mit einer Vielzahl an Fremdwörtern operieren, die nicht zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören, wurden hintereinander weg abgelesen, ohne Einbettung, ohne Anmoderation – und die hätte es, zumindest für den Fall dass die Autorin eine Verständlichkeit ihrer Texte beim Auditorium angestrebt haben sollte, gebraucht.
Ich vertrete nicht die Ansicht, dass das bloße Stehen hinter dem Mikrophon und Hände, die den Rhythmus der Worte unterstreichen, nach über zwanzig Jahren Slamgeschichte immer noch wahnsinnig alternativ und revolutionär sei – die wenigsten tun das wahrscheinlich. Ich sage auch nicht, dass hier eine Weiterentwicklung keine Not tun würde, und ebenso wenig, dass sie überhaupt nicht stattfindet.
Aber ich sage, dass das bloße Stehen und Performen eines Textes soviel mehr hergibt, als schüchtern, vernuschelt abgelesene Worte, die beim Lippen befeuchten nach zwei Gedichten im Wasserglas landen. Ich sage nicht, dass alle Lesungen so ablaufen. Und sicherlich hatte auch Ann Cotten schon mal bessere Tage gehabt. Aber ich sage, dass ich herkömmliche Lesungen, auch von Autoren, die ich wie bereits gesagt, für mich alleine auf dem Sofa gelesen, sehr schätze, zu meist als gähnend langweilig empfinde.
Auf der anderen Seite würde ich mir von den wenigsten Slam Poeten, so sehr ich sie auch auf der Bühne schätze, Bücher kaufen. Weil ich beim Lesen eben nicht mehr den handgeschlagenen, eindringlichen Rhythmus finde, die Bilder auf einmal schwammig werden, bestimmte gewählte Worte mir fehl am Platz erscheinen und der Text, der mir auf der Bühne noch kohärent vorkam, nun vor allem inhaltlich auf einmal keinen Sinn mehr ergibt, weil ihm die Performance fehlt.
Und hier bin ich vielleicht an einem möglichen Schnittpunkt angelangt: Spätestens nach dem Slam 2011 in Hamburg kann in meinen Augen die Existenz und die kulturelle Berechtigung von Poetry Slam auch von einer vermeintlichen literarischen Hochkultur nicht mehr geleugnet werden. Und wie viel besser wären Lesungen von wirklich lesenswerten Autoren, wenn jene sich ein Beispiel an der Bühnenpräsenz, am Ausdruck, an der gelebten Freude beim Vortrag der Slammer nehmen würden.
Und noch einmal drehe ich die Medaille um und komme zurück zum Anfang dieser Gedankensammlung, zum Lyrikseminar bei Ulrike Draesner, zum Gedankenaustausch, zur internen Textbewertung ohne Jurytafeln, zurück zur Textkritik.
Einige Mal schon habe ich Gespräche unter Slammern verfolgen können, oder selbst welche geführt, in denen es um eben jenen internen Austausch, um ernstgemeinte Kritik ging und geht. Und dass diese Kritik meistens beim auf die Schulter geklopften „Super Text, Alter“ oder der in eine Umarmung gehauchten Bemerkung „Hat mich echt voll berührt, dein Text“ bleibt. Ich frage mich, warum das so ist. Und ich habe die leise Vermutung, dass sich die inhaltliche Textqualität vieler begabter Bühnenautoren nochmals um einiges verbessern würde. Ich habe am Institut die Erfahrung sammeln können, dass unterschiedliche Meinungen, sich zum Teil auch widersprechende Kritiken zu ein und dem selben Text, enorm zur Festigung der eigenen literarischen Position beitragen können, nicht nur gegenüber einem bestimmten Text. Und manchmal habe ich die Befürchtung, dass der implizite Wettbewerbscharakter an Slams, der ja maßgeblich zur Spannungskurve einer Veranstaltung beiträgt, doch mehr im Vordergrund steht, als immer behauptet wird. Dass das ganze Drumherum immer pompöser wird, immer bombastischer, immer noch ein Stück mehr Party und Pop. Und das finde ich auf der einen Seite super. Das sticht heraus. Das macht lebendig, das bedeutet Wachstum und Weiterentwicklung. Nur wäre es schade, wenn dieses Wachstum und diese Weiterentwicklung rein oberflächlich werden, und nicht mehr auf die doch eigentlich wesentliche textliche Ebene greifen würden. Ich sage nicht, dass eine Textbesprechung das Nonplusultra in einer Textentwicklung ist, und immer zur erhöhten Textqualität beitragen wird, aber sie kann. Ich sage auch nicht, dass die institutionelle Klassenraumatmosphäre für die Slamszene geeignet wäre, aber warum eigentlich nicht beim nächsten National, der ja auch gerne als großes Klassentreffen bezeichnet wird, den Raum schaffen, in dem an einem Austausch interessierte Slammer Fragen zu eigenen und Kritik zu anderen Texten äußern können?
Und zwar nicht gesittet institutionell mit Wasserglas, sondern gerne mit Wodka. Nicht nur mit Köpfchen sondern in Slammermanier auch mit Hand und Fuß, mit Ganzkörpereinsatz eben.
Wenn mich jetzt noch mal jemand fragen würde, wie das denn so sei, Slam Poetin zu sein und gleichzeitig an einem Literaturinstitut zu studieren, dann würde ich wahrscheinlich antworten: Super ist das! In beiden Bereichen lerne ich eine Menge und nehme unglaublich viel daraus mit für meine eigene Arbeit. Und es ist ein gangbarer Weg, die jeweils andere Seite vom eigenen Standpunkt aus zu kritisieren. Kritik und Anstoß, wenn man sie denn beachtet, führt zu Weiterentwicklung. Sie schafft Schnittstellen. Zwischen den Standpunkten. Mit denen lässt es sich arbeiten.
Und wenn ich jetzt dem ein oder anderen auf den Fuß getreten bin, dann habe ich das tatsächlich gerne getan.

be proud to be schweizerin, man!

im  zug passierte folgendes: ich schaute aus dem fenster. die berge begannen, in ihren konturen weicher zu werden, bis sie schließlich anfingen, plump auf und ab zu wabern. die hügel wurden zu hohen haufen aus mürbeteig, auf den bergkuppen lag, anstelle einer schneedecke, feinstes marzipan. bauern kamen aus ihren häusern gerannt, zu viert, oder manchmal auch zu fünft, trugen sie riesige nudelhölzer und machten sich ans werk, die backberglandschaft auszurollen. ich saß bequem auf meinem fensterplatz und bestaunte die vorbeiziehende szenerie.
aus den zuglautsprechern ertönte eine durchsage: „werte damen und herren, liebe GA-besitzende, sie taten gut daran, die SBB-flatrate erworben zu haben, denn nun vergrößern wir die schweiz. wie sie alle wissen, ist sie zu klein geworden, um all die massen an einwanderern aufzunehmen. ehrenamtliche eidgenossen und -genossinnen haben sich bereit erklärt, die marzipankuppen abzutragen und die berge auszurollen
– das schafft, ganz klar, mehr fläche. schon übermorgen wollen wir bayern überrollt haben – das heißt für sie, liebe GA-besitzende: doppelter reiseradius zu gleichem preis. alle anderen fahrgäste können noch bis ende der woche das GA zu den bisherigen konditionen erwerben und schon bald fahren auch wir sie bis an die nordsee. merci vielmal für ihre aufmerksamkeit und noch eine gute weiterfahrt!”
der letzte satz des sprechers ging fließend über in die stimme von michael jackson, ein guter dj, der das so arrangiert hat, dachte ich noch beim aufwachen und brauchte eine minute, um mich neu zu orientieren: in einer sitznische weiter vorne im abteil, auf der anderen fensterseite, stand ein mann, eigentlich tanzte er mehr als dass er stand. ich schätzte ihn auf ende zwanzig. er trug weite hosen, ein enges shirt und um den hals mehrere ketten aus holz und knochen. „billie jean is not my lover“, sang er und näherte sich moonwalkend einer frau, die ich aus meiner perspektive nicht sehen konnte.            sie schien abweisend zu reagieren, nonverbal in jedem fall, der moonwalker bemerkte dies und entschuldigte sich auf frenglisch, respektive englösisch: sorry, that was too much. i am a little drunk. er tanzte zurück in seine sitznische. dort lag auf dem abstelltischchen ein iphone, daran hingen boxen, daraus ertönte immer noch michael jackson. daneben: eine flasche baileys. der mann nahm sie, schraubte sie auf und hielt sie für mehrere sekunden an den mund. ich habe noch nie einen mann so lange und so genussvoll aus einer flasche baileys trinken sehen (ich meine, er trank wirklich, ich sah seinen adamsapfel auf und ab wippen). dann stellte er die flasche wieder ab und ich sah eine andere hand sie greifen und mit ihr in meinem toten winkel verschwinden.
die frau, die sich kurz zuvor noch von der moonwalkeinlage hatte stören lassen, fragte nun auf schweizerdeutsch, warum die beiden männer denn so gut drauf wären. der mann, der gerade nicht mit trinken beschäftigt war, antwortete: today is my birthday, you know? we came back from thailand an hour ago.
die frau fragte, warum er seinen geburtstag nicht auch gleich in thailand verbringen, sondern lieber in einem schweizer zugabteil feiern würde. well, we wanted to, reagierte das geburtstagskind, anscheinend verstand es schweizerdeutsch, antwortete aber konsequent in seiner version des englischen, we were in prison till today morning. sie hätten, er und sein kumpel, für zwei wochen durch thailand reisen wollen. sie seien in guter partylaune gewesen und hätten schon auf dem hinflug ordentlich getrunken. als sie aus dem flieger gestiegen seien, bereits mehr als jenseits von gut und böse unterwegs, mit dem koffer in der einen, mit einer flasche whiskey in der anderen hand, seien sie vom zoll abgefangen worden. so endete ihre reise bereits am flughafen und sie sahen vom land nichts weiter als ein thailändisches gefängnis von innen. but we got free in only 5 days!, rief er aus und bemerkte, seine schwester hätte ihn und seinen kollegen für nur 500 dollar frei kaufen können. the swiss government cares about its people, you know? the cops didn´t have the courage to detain us. but there were guys from turkey and india, sitting there for months! die hätte niemand freigekauft und die jeweiligen regierungen würden sich für ihre landsleute auch nicht unbedingt interessieren. woher er denn ursprünglich käme, fragte die frau den mann, der nicht aussah wie heidis peter von der alm. actually from india, too, antwortete dieser laut lachend, (er tanzte immer noch – nun allerdings im sitzen), aber er sei adoptiert worden, sagte er, seine mutter sei gebürtige schweizerin und sein vater komme von griechenland, aber egal: er habe den schweizer pass, und das sei alles, was zähle. nun sei er frei und könne seinen geburtstag in einem schweizer zugabteil feiern, laut musik hören (mittlerweile lief bob marley) – and nobody seems to be upset! dabei stand er wieder auf und schaute sich winkend im abteil um. er hatte die gesamte aufmerksamkeit der fahrgäste. einige legten den wirtschaftsteil ihrer zeitung beiseite, andere entstöpselten sich die ohren, um besser hören zu können. really! nobody!
der zug fuhr in olten ein. die frau, von der ich bisher nur die stimme kannte, stand auf und zog sich einen dünnen mantel über. sie war eine ältere, gepflegte dame, perfekt geschminkt und  mit großen ringen an den fingern. sie sagte: ich muss hier leider aussteigen. ihnen noch eine gute weiterfahrt. have a nice birthday. der mann klopfte ihr zum abschied auf die schulter und sagte: be proud to be schweizerin, man!
ich sah ihm noch eine weile beim tanzen und trinken zu, hin und wieder verschwand die flasche auch in meinem toten winkel. der andere mann sagte während der ganzen fahrt kein wort. in oensingen stiegen sie aus. den koffer in der einen, den baileys in der anderen hand.
vor dem fenster waren die berge wieder massiv und stabil. die hügel herbstlich bunt. bayern wurde nicht überrollt. der zug fuhr auch nur bis nach biel und nicht bis zur nordsee. es war der 3. oktober. der tag der deutschen einheit. und ich hätte ihn nirgendwo lieber, als mit einer schweizer lady, einem indischen hippie mit schweizer pass und einem hauch von thailändischem knast in einem wagenabteil der SBB verbracht.

ein bisschen was über liebe

“so, den typen sind wir erstmal los”, schreibt mich tina im skype an. noch vor einer halben stunde hatte sie mich auf später vertröstet, weil ihr lieblingsitaliener online kam.
ich: was´ da los?
tina: ach, das übliche eben. erst umgarnt er mich mit allem möglichen tüll, den er nur auftreiben kann, bringt mir frühstückskaffee ans bett, nimmt mich mit nach venedig und stellt mich seinen freunden in der pokerkneipe vor.
ich: mhm.
tina: solang ich püppchenmäßig, brav und passiv lächle, ist alles gut, weißte?
ich: und was ist jetzt nicht mehr gut?
tina: jetzt schlag ich ihm vor, komm baby, lass uns eine büffelzucht in brandenburg betreiben, und er hat schlechte laune und lacht mich aus, nur weil ihm sein arzt heute vormittag plattfüße diagnostiziert hat.