Oft werde ich gefragt, wie das so ist: in der Poetry Slam Szene unterwegs zu sein und gleichzeitig an einem Literaturinstitut zu studieren. Ob sich das eher gegenseitig befruchten oder abstoßen würde. Gerne rutscht in diesem Zusammenhang auch die Frage hinterher: Welcher Szene, bzw. Institution würdest du dich eher zuordnen.
- Hm, sage ich in solchen Situationen, weder noch, eigentlich sitze ich ziemlich exakt zwischen den Stühlen.
- Wie das denn so sei, so arschbackentechnisch? Höre sich eher ununbequem an, heißt es, schließlich sei der Graben zwischen den Stühlen ja gar nicht mal so flach.
An diesem Punkt der Unterhaltung könnte ich sagen: nein, nein, so tief ist der Graben auch nicht und ich springe oft und locker hinüber, obwohl ich sehr unsportlich bin; ich mag es, mich auf beiden Seiten zu bewegen und tue dies unbefangen. Wäre aber nicht ganz richtig. Und die Antwort lediglich dazu geeignet, das Gespräch schnellst möglich wieder zu beenden und eine Diskussion zu befrieden, noch bevor sie die Chance erhält, sich aufzuheizen. Ich könnte auch antworten: Außerdem gibt es doch einige Autoren, die es geschafft haben, eine Brücke zu bauen zwischen beiden Seiten! Nora Gomringer zum Beispiel! Vor kurzem erst auf einer Slambühne gesehen und ein paar Wochen später in unserem Institut als Gastmentorin zu Besuch! Michael Stauffer, unterrichtet regulär bei uns und steht als Performer in der Textbox, wie auch auf Dead or Alive Bühnen! Aber das sind nicht wirklich viele Beispiele. Konsequenter Weise müsste ich also antworten: Setz dich, mein Freund, denn wenn ich jetzt anfange auszuholen, sind wir im besten Fall fertig, wenn morgen die ersten Frühstückscafés wieder öffnen. Diese Unterhaltung wird so komplex, dass bereits der erste Satz einhundert weitere Sätze und noch mal genauso viele unausgesprochene Zweifel und Fragen aufwerfen wird, denn ganz sicher vertrittst du einen anderen Standpunkt als ich – und weißt du was? Das ist super. Denn erst durch einen Konflikt wird Weiterentwicklung möglich und wir beide werden vielleicht um eine Handbreit Horizont reicher.
Soweit kam es in derlei Gesprächen fast noch nie. Aber am vergangenen Wochenende fand ich mich in einer Situation wieder, die dieses „zwischen den Stühlen sitzen“ sehr bildlich beschreibt. Ich besuchte ein Blockseminar zum Thema Lyrik am Literaturinstitut. Geleitet wurde das Seminar von Ulrike Draesner, einer in meinen Augen und Ohren vielschichtigen und interessanten Autorin mit einer Stimme, der man sogar mit großem Verzücken lauscht, wenn sie Minnesänge auf Mittelhochdeutsch vorträgt. Das Seminar war in seiner Wucht aus Informationen, Anekdoten und Kritik an eigenen sowie Fremdtexten extrem anstrengend und dicht gewoben. Jedoch fühlte man sich nach dem Besuch der Veranstaltung tatsächlich ein klein wenig dichter, um mal ein gerne gebrauchtes Slammer-Wortspiel zu benutzen, einfach, weil es passt. Direkt in der ersten Stunde des Seminars wurden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, einen lyrischen Text von sich zu lesen, über den dann im Anschluss gesprochen werden sollte. Die Texte wurden zum Mitlesen für alle ausgedruckt, dann ließe sich damit besser arbeiten hieß es, die Verständlichkeit sei größer – natürlich ein guter Punkt. Keine Aufmerksamkeit wurde jedoch auf die Vortragsweise der Texte gelegt, darum ginge es in erster Linie nicht, der Inhalt sei entscheidend. So wurde ein Text nach dem anderen vorgelesen, mitgelesen, mit einem Lächeln oder einem unsicheren Blick quittiert, solange, bis alle an der Reihe waren. Ich hatte die „Liebeserklärung an einen Reisenden“ mitgebracht, der Spoken Word Text, der mir im Moment am meisten am Herz liegt. Und bereits beim Austeilen meiner Textblätter spürte ich sie: die beiden Arschbacken, die zur Hälfte in der Luft hingen, von einem Stuhl auf den anderen wippten. Ich bat die anderen Teilnehmenden, die ausgeteilten Blätter zunächst mit dem Text nach unten auf den Tisch zu legen und mir einfach kurz zuzuhören. Es war ein eigenartiges Gefühl, diesen Text, der für mich eng mit Bühnen verbunden ist, vor einer Klasse vorzutragen, die ihn dann anschließend besprechen und damit auch bewerten würde. Allerdings nicht mit Jury-Noten sondern mit ihren eigenen, durchdachten Meinungen, Fragen und Anregungen. Ich merkte, dass ich diese Bewertung wirklich ernst nehmen würde, und das machte mir Angst. Ich hatte Angst, vor der ersten ernsthaften Bewertung dieses Textes. Ich trug ihn schließlich vor, entspannte mich dabei sogar ein bisschen, der Raum war offen für diese in dem oben genannten Kontext etwas sonderbare Darbietung. Die Kritik und Resonanz nach dem ersten Hören war durchweg positiv, der Text gefiel. Erst beim anschließenden Lesen kamen Fragen und Zweifel auf: braucht es diese Redundanz an der Stelle? Sind die beim Hören doch so schönen Bilder nicht etwas einfach? Oder: funktionieren sie überhaupt noch, wenn man beim selbstständigen Lesen die Zeit bekommt, sie zu hinterfragen? Ich konnte all diesen Kritikpunkten folgen, sie einordnen und verstehen. Aber sie warfen vor allem einen Haufen an Fragen auf: Muss ein guter Spoken Word Text immer auch auf dem Blatt funktionieren? Funktionieren Spoken Word Texte in Büchern wirklich immer eigenständig? Oder manchmal auch nur durch die Erinnerung des Lesenden an die Stimme und Performance des Autors auf der Bühne? Wäre die Eigenständigkeit des Textes die Königsdisziplin? Wo ergibt Rezitation Sinn und wo eher nicht? Hat die Aussage: „Jaja, schöner Text solange du ihn nur einmalig vorträgst. Aber von mir auf dem Blatt gelesen, gibt er mir rein gar nichts“ eine größere Berechtigung als die folgende: „Jaja, schöner Text, solange ich ihn still für mich alleine unter der Decke auf dem Sofa lese. Aber trag ihn bitte nicht öffentlich vor. Das bringt mir rein gar nichts“? Muss ein gutes Gedicht zwischen zwei Buchdeckeln immer auch auf der Bühne funktionieren? Und: wäre das die Königsdisziplin? Wo sind die Schnittstellen? Gibt es welche? Und wenn ja: wie gehe ich damit um? Es besteht die Gefahr, dass ich mit diesen Fragen provoziere. Das könnte daran liegen, dass ich keine eindeutigen Antworten auf sie habe. Nur noch ein Beispiel, und mit dem nähere ich mich vielleicht ein weiteres Stück einem möglichen (Schnitt)punkt: Ziemlich zum Schluss des Blockseminars ging der gesamte Kurs zu einer Lyriklesung von zwei Stunden im Rahmen des 6. Bieler Fest der Poesie. Die Lesung war gelinde gesagt ein Desaster. Die Kritikpunkte, die u.a. im Anschluss vom Kurs geäußert wurden, der Raum wäre schrecklich dunkel gewesen, die Technik habe nicht ausreichend funktioniert, usw. teile ich nur bedingt. In meinen Augen sollte ein guter Autor, ein guter Poet seinen Text soweit verinnerlicht haben, soviel Souveränität und Spass am Vortrag mitbringen, dass er in der Lage ist, unter sämtlichen, sich nur denkbaren Um- und auch Unständen zu lesen oder zu performen. Für mich lag der Schrecken mit dem ich versuchte der Veranstaltung zu folgen vor allem in der Vortragsweise aller Beteiligten – der Raum und die Technik waren mir herzlich egal. Bereits der Moderator, der das „Fest der Poesie“ eröffnen sollte, versteckte sich ablesend hinter seinem Mikrophon. Das Verstecken gelang ihm gut. Mit dem Ablesen erreichte er beim Publikum jedoch nicht die angestrebte Feierlaune. Zwar machte er höflichst darauf aufmerksam, dass es äußerst erwünscht wäre, zu lachen, zu trinken, zu essen und zu feiern – aber wie immer macht der Ton die Musik. Und nur selten provoziert eine monotone Schlaftablette Freudentänze beim Publikum. Am schockierensten fand ich jedoch den Auftritt von Ann Cotten, ihres Zeichens auch ehemalige Poetry Slammerin, die sich ohne das Publikum willkommen zu heißen, ebenfalls hinter ihrem Mikro versteckte, sitzend natürlich, mit nach vorne geklappten Schultern, zwischen denen die einzelnen Worte bereits strandeten ohne ihren Weg von der Bühne in den Saal finden zu können. Endungen wurden vernuschelt. Gedichte, die mehrschichtig sind und mit einer Vielzahl an Fremdwörtern operieren, die nicht zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören, wurden hintereinander weg abgelesen, ohne Einbettung, ohne Anmoderation – und die hätte es, zumindest für den Fall dass die Autorin eine Verständlichkeit ihrer Texte beim Auditorium angestrebt haben sollte, gebraucht.
Ich vertrete nicht die Ansicht, dass das bloße Stehen hinter dem Mikrophon und Hände, die den Rhythmus der Worte unterstreichen, nach über zwanzig Jahren Slamgeschichte immer noch wahnsinnig alternativ und revolutionär sei – die wenigsten tun das wahrscheinlich. Ich sage auch nicht, dass hier eine Weiterentwicklung keine Not tun würde, und ebenso wenig, dass sie überhaupt nicht stattfindet.
Aber ich sage, dass das bloße Stehen und Performen eines Textes soviel mehr hergibt, als schüchtern, vernuschelt abgelesene Worte, die beim Lippen befeuchten nach zwei Gedichten im Wasserglas landen. Ich sage nicht, dass alle Lesungen so ablaufen. Und sicherlich hatte auch Ann Cotten schon mal bessere Tage gehabt. Aber ich sage, dass ich herkömmliche Lesungen, auch von Autoren, die ich wie bereits gesagt, für mich alleine auf dem Sofa gelesen, sehr schätze, zu meist als gähnend langweilig empfinde.
Auf der anderen Seite würde ich mir von den wenigsten Slam Poeten, so sehr ich sie auch auf der Bühne schätze, Bücher kaufen. Weil ich beim Lesen eben nicht mehr den handgeschlagenen, eindringlichen Rhythmus finde, die Bilder auf einmal schwammig werden, bestimmte gewählte Worte mir fehl am Platz erscheinen und der Text, der mir auf der Bühne noch kohärent vorkam, nun vor allem inhaltlich auf einmal keinen Sinn mehr ergibt, weil ihm die Performance fehlt.
Und hier bin ich vielleicht an einem möglichen Schnittpunkt angelangt: Spätestens nach dem Slam 2011 in Hamburg kann in meinen Augen die Existenz und die kulturelle Berechtigung von Poetry Slam auch von einer vermeintlichen literarischen Hochkultur nicht mehr geleugnet werden. Und wie viel besser wären Lesungen von wirklich lesenswerten Autoren, wenn jene sich ein Beispiel an der Bühnenpräsenz, am Ausdruck, an der gelebten Freude beim Vortrag der Slammer nehmen würden.
Und noch einmal drehe ich die Medaille um und komme zurück zum Anfang dieser Gedankensammlung, zum Lyrikseminar bei Ulrike Draesner, zum Gedankenaustausch, zur internen Textbewertung ohne Jurytafeln, zurück zur Textkritik.
Einige Mal schon habe ich Gespräche unter Slammern verfolgen können, oder selbst welche geführt, in denen es um eben jenen internen Austausch, um ernstgemeinte Kritik ging und geht. Und dass diese Kritik meistens beim auf die Schulter geklopften „Super Text, Alter“ oder der in eine Umarmung gehauchten Bemerkung „Hat mich echt voll berührt, dein Text“ bleibt. Ich frage mich, warum das so ist. Und ich habe die leise Vermutung, dass sich die inhaltliche Textqualität vieler begabter Bühnenautoren nochmals um einiges verbessern würde. Ich habe am Institut die Erfahrung sammeln können, dass unterschiedliche Meinungen, sich zum Teil auch widersprechende Kritiken zu ein und dem selben Text, enorm zur Festigung der eigenen literarischen Position beitragen können, nicht nur gegenüber einem bestimmten Text. Und manchmal habe ich die Befürchtung, dass der implizite Wettbewerbscharakter an Slams, der ja maßgeblich zur Spannungskurve einer Veranstaltung beiträgt, doch mehr im Vordergrund steht, als immer behauptet wird. Dass das ganze Drumherum immer pompöser wird, immer bombastischer, immer noch ein Stück mehr Party und Pop. Und das finde ich auf der einen Seite super. Das sticht heraus. Das macht lebendig, das bedeutet Wachstum und Weiterentwicklung. Nur wäre es schade, wenn dieses Wachstum und diese Weiterentwicklung rein oberflächlich werden, und nicht mehr auf die doch eigentlich wesentliche textliche Ebene greifen würden. Ich sage nicht, dass eine Textbesprechung das Nonplusultra in einer Textentwicklung ist, und immer zur erhöhten Textqualität beitragen wird, aber sie kann. Ich sage auch nicht, dass die institutionelle Klassenraumatmosphäre für die Slamszene geeignet wäre, aber warum eigentlich nicht beim nächsten National, der ja auch gerne als großes Klassentreffen bezeichnet wird, den Raum schaffen, in dem an einem Austausch interessierte Slammer Fragen zu eigenen und Kritik zu anderen Texten äußern können?
Und zwar nicht gesittet institutionell mit Wasserglas, sondern gerne mit Wodka. Nicht nur mit Köpfchen sondern in Slammermanier auch mit Hand und Fuß, mit Ganzkörpereinsatz eben.
Wenn mich jetzt noch mal jemand fragen würde, wie das denn so sei, Slam Poetin zu sein und gleichzeitig an einem Literaturinstitut zu studieren, dann würde ich wahrscheinlich antworten: Super ist das! In beiden Bereichen lerne ich eine Menge und nehme unglaublich viel daraus mit für meine eigene Arbeit. Und es ist ein gangbarer Weg, die jeweils andere Seite vom eigenen Standpunkt aus zu kritisieren. Kritik und Anstoß, wenn man sie denn beachtet, führt zu Weiterentwicklung. Sie schafft Schnittstellen. Zwischen den Standpunkten. Mit denen lässt es sich arbeiten.
Und wenn ich jetzt dem ein oder anderen auf den Fuß getreten bin, dann habe ich das tatsächlich gerne getan.